Montag, 7. Juni 2010

Holzpfosten, Holzpfosten!


Holzpfosten Schwerte 05 ist am gestrigen Sonntag vorzeitig Meister Iserlohner Kreisliga B geworden und steht somit als Aufsteiger in die Kreisliga A fest!



(Foto: Uwe Lauschner / www.holzpfosten.de)


Es ist mittlerweile kurz nach Mitternacht und es herrschen noch immer solide 30 Grad Celsius. Ich sitze, wie so oft im in den letzten Wochen, in einem Starbucks und habe sowohl Blick auf mein aktuelles College als auch auf den immer noch zähflüssigen Verkehr im Sektor 15 von Subang Jaya. Aus meinen Kopfhörern tönt Uncle Kracker mit dem Song „Smile“ – ein echter Dauerbrenner auf den Radiostationen hier in Malaysia.
Vor ziemlich genau 24 Stunden hat mein Team in Deutschland, die Holzpfosten Schwerte 05, den Meistertitel in der Kreisliga B klar gemacht. Na klar, wir reden hier von Fußball. Amateurfußball um genau zu sein. Eins meiner liebsten Hobbies daheim in Deutschland. Nun konnte ich gestern in einem Liveticker,
ein paar tweets und (dank Fotograf Oskar Neubauer von den Ruhr Nachrichten) auch zeitnah in ein paar Bildern auf yfrog.com nachverfolgen, was sich Minuten nach den Schlusspfiff so alles auf einem ganz typischen Aschplatz in meiner 50.000 Einwohner Heimatstadt abgespielt hat. Mag es von Interesse sein oder nicht, möchte ich mir mal – als eine Art „außenstehender Insider“ – ein paar Minuten Zeit nehmen zu schildern, wie es ist so einen Aufstieg  mitzuerleben, wenn mehrere hundert Kilometer dazwischen liegen:

Das Urteil über dieses Ereignis ist in diesem Fall natürlich sehr schnell ersichtlich. Ich bin unglaublich froh, dass es dieses Jahr glatt gelaufen ist. Ich freue mich hier riesig, habe aber natürlich keinen, mit dem ich diese Freude teilen könnte. Ich denke auch, dass mir eine nackte Ehrenrunde auf dem benachbarten Fußballplatz er eine Nacht Arrest als tosenden Beifall bescheren würde. Natürlich könnte ich mir auch mit den Leuten, die ich hier kenne die Zeit nehmen um ihnen Vereinsgeschichte, Spielerstruktur, Ligensystem, deutsche Fußballkultur und Tabellensituation näher zu bringen. Aber irgendwo erfüllt dies kein Kriterium einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob diese Informationen mit dem malaysischen Background in diesem Bereich (wie in meinem Beitrag „Fußball in Malaysia“ beschrieben) kompatibel sind. Aber dieses Aufstiegsgeschehen ist natürlich im Geringsten rational, als es viel mehr emotionaler Natur ist.

Ich komme natürlich nicht drum herum auch zuzugeben, dass ich ein wenig traurig bin, nicht selbst dabei gewesen zu sein. Auch wenn ich versuche, mir selber vorzuhalten, dass in Malaysia zu sein und dieses einmalige Abenteuer erleben zu dürfen, einen viel größeren Wert hat, als der Erfolg in einer meiner Freizeitbeschäftigungen daheim, irgendwie ist diese Form der Ratio kein Mittel, das dem Gefühl des „Nicht-dabei-Seins“ gegensteuern könnte – zumindest nicht für die nächsten ein bis zwei Tage. Ich bin aber auf jeden Fall stolz, in der Vorrunde zu diesem Ereignis beigetragen zu haben. Ok, statistisch beschränkt sich dieses Zutun auf 2 Tore, ein paar Vorlagen, zwei rote Karten und so um die 10 Gelbe. Aber wenn ich sonntags morgens nach der Arbeit stark übermüdet meine 90 Minuten absolvieren konnte, war es immer wieder schön mit der Mannschaft zu spielen und in den meisten Fällen natürlich auch zu siegen.
Ich habe auch auf facebook ein bisschen mit dem Karma gehadert (obwohl ich mir nicht sicher ob dieses spirituelle Konzept überhaupt einen Account im Social Web besitzt), dass ich noch nicht einmal mit 100 prozentiger Konzentration das Geschehen in Holzpfosten-Trainingshose vor meinem Notebook verfolgen konnte. Stattdessen habe ich Bücher gewälzt und 2000 Wörter in die Tasten gehämmert um eine Consumer Behaviour-Hausarbeit zu beenden, die heute Morgen fällig war.  Jedenfalls bin ich mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht  ganz sicher, wie ich diesbezüglich mit dem Karma verbleibe. Vermutlich werde ich diese Sache in ein paar Tagen vergessen haben und nicht wie Earl Hickey in „My Name is Earl“ losziehen, um mich mit dem Karma gutzustellen.

Was mir also für den heutigen Tag übrig blieb, neben der Tatsache den Schlaf nachzuholen, auf den ich gestern verzichten musste, ist die Nachrecherche. Deshalb hier mal die Liste von ein paar Ressourcen, die mir in Malaysia dank des World Wide Webs zur Verfügung standen:

(Nachberichterstattung)
(Vorberichte)

(verwandte Nachberichterstattung)

(Hier noch ein ganz besonderes Schmankerl: Insight-Footage von der Vorbereitung der Mannschaft auf dieses Spiel. Der heroische Soundtrack, wie auch die klaren Worte, machen dieses Video zu einem Muss für jeden Holzpfosten-Sympathisanten. Kompliment an den Videojournalisten aus Berlin!)



(weitere Internet-Quellen)


Stephan Kleine bleibt

Heute habe ich tatsächlich aus der Zeitung erfahren, dass mein Bruder auch in der nächsten Saison für die Holzpfosten spielen wird. Was eigentlich nur als eine halbjährige Übergangslösung nach seinem Abschied vom Westfalenligisten VfL Schwerte gedacht war, bekommt nun doch eine Fortsetzung in der Spielzeit 2010/2011. Ich habe erst überlegt, ob ich es seltsam finden sollte, von diesem Wechsel aus der Zeitung zu erfahren. Aber so wie berichtet wird, hat er die Zusage unmittelbar nach dem Spiel gegeben. Es gibt sicherlich kaum bessere Gelegenheit so etwas zu verkünden und war deshalb sicherlich auch eher intuitiv und impulsiv.
 Ich denke, ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass er der bessere Fußballer von uns beiden ist und ich eigentlich immer die Meinung vertreten habe, dass er fußballerisch zu Höherem berufen sei als seine Karriere auf den Schwerter Sportplätzen zu fristen. Nichts desto trotz muss ich schon sagen, dass es mich sehr freut, dass er bleibt und es war auch die Situation auf die ich mitunter die letzten Monat hier gehofft hatte. So brauchen unsere Eltern nächste Saison auch das erste Mal nur einen Sportplatz anzusteuern um uns beide in EINEM Team spielen zu sehen.


Gut besuchte Ruhrtalkampfbahn


(Foto: Uwe Lauschner / www.holzpfosten.de)

In der Ruhr Nachrichten wurde von 400 Zuschauern und in der Westfälischen Rundschau sogar von 500 berichtet. Eigentlich ist dies eine nahezu unvorstellbare Zuschauerzahl für ein B-Liga Spiel auf einem staubigen Ascheplatz! Aber für Leute, die nicht in Schwerte zu Hause sind, hier noch einmal zur Erklärung. Allein das Derby Holzpfosten vs. Wandhofen ist aus verschiedenen Gründen einer der Saisonhöhepunkte der Kreisliga. Zudem war es auch noch das Allesentscheidende Spiel der Saison in Aufstiegs-Fragen und desweiteren waren die Saisons für alle Nicht-Kreisliga-Teams bereits beendet. Das erklärt natürlich die hohe Anzahl der Zuschauer, kann die Stimmung aber in keinstem Fall wiedergeben.
Ich finde diesbezüglich den WR-Artikel besonders gelungen (darf ich das als RN-Mitarbeiter so sagen?), da er sehr ausführlich auf die Zuschauerstruktur bei diesem Spiel eingeht. Von Kanuten, Profifußballern und Bezirksliga-Prominenz ist hier die Rede. Aber das ist bei Weitem nicht das, was das Phänomen Holzpfosten in Bezug auf die Zuschauerstruktur beschreibt. Was ich bis heute selber vergessen hatte ist, dass ich schon den Aufstieg der Holzpfosten in die Kreisliga-B miterleben durfte. Als Berichtererstatter für die Ruhr Nachrichten! (Fußballerisch war ich damals glaub ich noch im Kader des ETuS/DJK zu finden) Schon 2008 habe ich dieses Thema zumindest mit meinem Chefredakteur kurz aufgegriffen: Ich fand es einfach faszinierend, dass die Holzpfosten-Spiele Leute an den Spielfeldrand gebracht haben oder noch immer bringen, die sonst eigentlich vor der Vereinsgründung keinerlei Verbindungen zum Amateur- oder Schwerter Lokalfußball hatten. Für mich war es damals vor allem auf das Image der jungen, intelligenten und sympathischen Mannschaft zurückzuführen, die nichts auf den Kommerz in diesem Geschäft gibt, sondern aus der Unzufriedenheit über diese Motive in ihren Heimatvereinen erwachsen ist.


Diskrete Feierlichkeiten

Dass die Details der Meister-Feierlichkeiten nicht gegenüber der örtlichen Presse ausgebreitet werden, hat schon ein bisschen Profi-Flair. Auch wenn die Sieges-Humba vor der Schwerter Polizeiwache anscheinend nicht aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden konnte :-). Was die Dauer der Feierlichkeiten angeht, muss ich hier natürlich noch einmal meinen Vater und Trainer gegenüber der Rundschau zitieren: „Am besten den Wirt der Keule fragen, der weiß es wohl noch genau!“  - Sehr diplomatische Aussage. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Wirt morgen nicht in einem Exklusiv-Interview seine 15 Minuten bekommt.
Ich war natürlich nicht dabei. Aber ich könnte mal kurz abstrakt umreißen, wie ich mir die Geschehnisse so vorstelle: Im Hintergrund läuft Micky Krauses „Düp Düp“ in einer Endlosschleife. Der überaus eloquente Torjäger führt rhetorisch sowohl durch den offiziellen wie auch inoffiziellen Teil des Abends und die Sportjournalisten im Team moderieren die Geschehnisse in ihren Köpfen in bester Marcel Reif-Manier vor sich hin. Von Zeit zu Zeit ist ein „Nur Ich!“ durch den Raum zu vernehmen, während aber der Großteil des Teams wiederholt „Düp düdü düdüüüp düdü düdüp düüüp Düdü düdüp düüüp, HOLZPFOSTEN!“ skandiert.


Das sportliche Ziel

Die Ruhrnachrichten betitelt das Team vor der kommenden Saison „für die steigenden Anforderungen in der höheren Spielklasse gerüstet.“ Tobias Vetten und Phillip Oldenburg kehren zurück und der Kader strotzt nur so von starken Spielern, die teilweise vielleicht sogar mehr als Kreisliga A-Format besitzen. Zugegeben, diese Entwicklung ist für mich schon Grund mich ein wenig umzuorientieren für die nächste Spielzeit. Immerhin sind nun mindestens sieben potentielle zentrale Mittelfelsspieler, die da spielen können, wo ich in der aktuellen Saison zu Hause war. Aber das soll auch gar nicht das Themas sein.
Ich bin mir momentan noch nicht ganz sicher, wie dieser Aufstieg in der Vereinsentwicklung zu werten ist. Ich habe mir in meiner Zeit bei den Holzpfosten oft Gedanken darüber gemacht in der Kreisliga A „anzukommen“. Soll heißen, dass der Verein in den Kreisligen C und B unterhalb des Potentials des Kaders gespielt hat und ich mir ausgemalt habe, dass man in der Kreisliga A endlich auf eine Masse gleichwertiger Gegner treffen würde, die Wochenende für Wochenende eine starke Leistung erfordern, um das Überleben in der Liga zu sichern. Nun weiß ich nicht, wie ich mit meiner Meinung dastehe. In den vergangenen Jahren hat man immer mal einen höherklassigen Gegner (von Bezirksliga bis hin zur Westfalenliga) bezwingen können und manch einer mag vielleicht sogar einen Tabellenplatz im oberen Bereich der Liga in der kommenden Saison erwarten oder prognostizieren.

So oder so, spannend wird es sportlich im Jahr 2010/2011 für die Holzpfosten allemal. Ärgerlich aus meiner Sicht natürlich auch, dass ich zwar ab Juli wieder in Deutschland anzutreffen bin, die Vorbereitung durch mein Praktikum in Hamburg aber wohl nicht miterleben werde.


Ich werde mich nun wieder von dem Geschehen in Schwerte abwenden und der Realität der Großstadt ins Auge sehen. Heute kommt diese Realität in der Frage „Mal wieder richtig ausschlafen oder die Inhalte für die Communcations in Business-Klausur schon zusammenfassen?“ vorbei. Nimmt mir einer diese Entscheidung ab?

ChK

Kommentare:

  1. Schade, dass du nicht dabei sein konntest! Aber vielleicht schaffen wir ja noch mal gemeinsam nen Aufstieg... ;-)
    Gruß nach Malaysia!

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  2. Übrigens werd ich dir mal die RN-Berichterstattung einscannen, damit du dein Urteil nochmal revidieren kannst. Die Zuschauer-Aufteilung haben die in nem eigenen kleinen Artikel abgehandelt und wir haben da quasi 1 3/4 Seiten nur für uns.

    Nächste Saison wird anstrengend werden - da können wir so viele Mittelfeldspieler gebrauchen :)

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